"Freiheiten sind durchaus erlaubt"

Auszeichnung für schwäbisches Haus, das nach seinem Abriss in neuem Glanz erstrahlt

Baiershofen (hava)

Ein langezogenes Gebäude mit grünen Fensterläden und unzähligen, kleinen Sprossenfenster ist der Prämienträger für schwäbische Häuser in Baiershofen. Genaue Richtlinien mussten beim Wiederaufbau des alten Bauernhauses von Karl-Heinz Bickel und Vater Johann Bickel eingehalten werden.

Das alte, in schwäbischer Tradition erbaute Haus, das sich nahe des Ortskerns zwischen zwei Straßen drückt, war bereits stark baufällig, als 1996 Maria Bickel, Großmutter von Karl-Hein Bickel, verstarb. Der Abriss des Hauses war aus Gründen des Denkmalschutzes verboten, "obwohl wir die Decken des Stallbereichs bereits abstützen mussten", erklärt Karl-Heinz Bickel, Enkel von Maria Bickel. In Zusammenarbeit mit Architekt Josef Egner aus Violau wurde von Vater und Sohn ein Plan gemäß den Auflagen des Amtes für Denkmalschutz entworfen, der schließlich genehmigt wurde.

Nur siebeneinhalb Meter breit

"Leicht wie ein Kartenhaus stürzte das Haus in sich zusammen. Ein Traktor zog an einem Stahlseil, das durch das Haus gezogen worden war", so belegt Karl-Heinz Bickel den desolaten Zustand des Gebäudes. Im Fasching 1997 begann der Wiederaufbau des traditionellen schwäbischen Hauses. Alte Fotos dienten der Familie unter anderem als Hilfsmittel. Auf 21 Meter Länge und siebeneinhalb Meter Breite erstreckt sich das Haus mit den schwäbischen Sprossenfenstern, dem bündigen Dach, den original Biberschwanzplatten und den schmuckhaften Gesimsen. Der ehemalige, tieferliegende Stall, der bündig an das Haus anschließt, wurde in eine geräumige Garage umfunktioniert, die Platz für die Motorräder des Besitzers bietet. Die grün gehaltenen Kipptore sind ein Zugeständnis an technische Neuerungen. "Da sind Freiheiten durchaus erlaubt", erklärt der Hausherr. "Das Haus war früher auch nur teilweise unterkellert. Heute ist üblicherweise das ganze Haus unterkellert worden." In der Toilette finden sich in Anlehnung an ehemalige Stallfenster kleinsprossige Rechteckfenster. "Allerdings haben wir anstatt einer Spitzgaube drei Spitzgauben auf das Dach gesetzt, was ja dem schwäbischen Aussehen keinen Abbruch tut", erklärt Karl-Heinz-Bickel. "Im Innenraum hatten wir freie Hand. Da wurde schon mal eine Wand rausgetrennt, um Räume zu erweitern. Auch im ersten Stock wären laut Plan zwei Kinderzimmer vorgesehen gewesen, die ich aber momentan als ein großes Zimmer nutze. Eine Wand ist nachträglich schnell hochgezogen", erklärt Karl-Heinz Bickel, der das geräumige Innere des Hauses alleine genießt.

Kreativität gefragt

Eigeninitiative war besonders bei der Anbringung der Gesimse gefordert. Vater Johann Bickel, gelernter Maurer, musste dafür selbst Hand anlegen, denn "kein junger Maurer lernt das heutzutage mehr". Letztes Jahr war das Haus einzugsfertig, die Fotos wurden für den Wettbewerb eingereicht und bereits 2001 hat der Kulturausschuss des Kreistags das Anwesen als besonders schön und vorbildhaft mit einer Prämie bedacht. Denn am schwäbischen Haus in Baiershofen wird klar ersichtlich, dass auch modernes Bauen sich durchaus in alte Tradition stellen kann.


Dieser Artikel erschien in der Augsburger Allgemeinen am 27. März 2001.
Fotos: Andreas Lode, Eva Hampl

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